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Am Ball bleiben Themenfelder Rassismus Gegenwind

Gegenwind

Initiativen von Fans, Spielern und Verbänden

Als sich in den späten 80er- und frühen 90er-Jahren rassistische Beleidigungen insbesondere der inzwischen in der Bundesliga spielenden Schwarzafrikaner in fast allen Stadien ausbreiteten, formierte sich auch der Widerstand dagegen. Die, die auf den Tribünen standen oder saßen, reagierten mit den Mitteln der Fankultur: „Neger raus“-Rufe wurden mit „Nazis raus“-Rufen gekontert (mitunter, so eine Anekdote aus dem Hamburger Volksparkstadion, auch von Hools, die sich „ihre“ Kurve nicht von den Faschisten wegnehmen lassen wollten). Beim FC St. Pauli, der Ende der 80er-Jahre seinen Ruf als linker Klub etablierte, wurden „Fans gegen Rechts“-Aufkleber produziert, die reißenden Absatz fanden und von Fans anderer Vereine kopiert wurden. Auf Schalke gründeten sich anlässlich einer Gedenkfeier zur Progromnacht im November 1992 die „Schalker gegen Rassismus“. Auf bundesweiter Ebene schlossen sich im August 1993 Fans verschiedener Vereine zum Bündnis antifaschistischer (inzwischen: aktiver) Fußballfans, BAFF www.aktive-fans.de, zusammen, um explizit gegen rechte Tendenzen und Rassismus im Stadien agieren sowie andere Faninteressen zu vertreten. Der vermutlich bekannteste und nachhaltigste Niederschlag dieser Initiative ist die Ende 2001 eröffnete Wanderausstellung „Tatort Stadion“ www.tatort-stadion.de, die über Rassismus, Antisemitismus und Sexismus im Fußball informiert und demnächst in einer aktualisierten Version wieder zu sehen sein wird. Und auch Fanzines bezogen Stellung, wie das Frankfurter Magazin „Fan geht vor“, das ebenfalls 1992 unter dem Motto „United Colors of Bembeltown“ ein antirassistisches T-Shirt produzierte. Auf der anderen Seite des Mains erschien ab 1995 das Offenbacher Fanzine „Erwin“, benannt nach Erwin Kostedde, dem ersten schwarzen deutschen Nationalspieler und ehemaligen Kickers-Profi.

United Colors of Bembeltown. (Quelle: Fan geht vor)

Auch die Spieler selbst thematisierten das Rassismusproblem: Souleyman Sané von Wattenscheid 09 machte die rassistische Äußerung eines Gegenspielers öffentlich und äußerte sich in Interviews auch über die Diskriminierung von den Rängen. Gemeinsam mit Anthony Baffoe und Anthony Yeboah, den damals wohl bekanntesten schwarzen Spielern der Liga, schrieb er 1990 nach einem Pokalspiel mit Wattenscheid beim HSV einen in der Bild-Zeitung veröffentlichten „Offenen Brief an alle Fans“, in dem es u. a. hieß:

Wir schämen uns für alle, die gegen uns schreien. Sie säen ein Klima der Gewalt […] In keinem anderen Land in Europa sind schwarze Fußballer derlei Verunglimpfungen ausgesetzt.

Auch einige weiße deutsche Profis äußerten sich deutlich. Für das Buchprojekt „Fußball und Rassismus“konnte der Werkstatt-Verlag 1993 u. a. die damaligen Bremer Spieler Dietmar Beiersdorfer, Marco Bode, Uwe Harttgen und den HSV-Keeper Richard Golz gewinnen. In einem ausführlichen Gespräch diskutieren sie über Rassismus und Gewalt im Fußball und mögliche Gegenmaßnahmen. In sehr klaren Worten beleuchten sie dabei nicht nur kritisch die Rolle der Aktiven, sondern mahnen auch an, dass insbesondere Initiativen von Vereinen und Verbänden mehr sein müssen als eine PR-Veranstaltung oder bloße „Alibiaktion“ (Richard Golz über die DFB-Kampagne „Friedlich miteinander – Mein Freund ist Ausländer“ vom 12. Dezember 1992).

Da Vereine und Verbände in der Regel über eine wesentlich solidere finanzielle Basis verfügen als eine Fanorganisation, haben sie die Möglichkeit, auch nachhaltigere Projekte anzustoßen und beispielsweise in antirassistische Schulungen, Fortbildungen zu investieren. Auch klare Bekenntnisse vonseiten der Führungsspitzen sind ein wichtiges Signal, und hier gilt es, sich nicht hinter inhaltsleeren Floskeln wie „Für Toleranz, gegen Gewalt“ zu verstecken, sondern sich deutlich gegen Rassismus auszusprechen. Gerade der DFB hat in dieser Hinsicht in der letzten Zeit wichtige Schritte nach vorn getan. Häufig wird in diesem Zusammenhang auch über die Stadionordnungen diskutiert: Im September 1998 versandte der DFB bereits einen Zehn-Punkte-Plan gegen Rassismus und Rechtsextremismus an die Amateur- und Profivereine sowie kurz darauf Entwürfe für eine entsprechende Stadionordnung und Hinweise an das Ordnungspersonal. Für eine tatsächliche Umsetzung dieser Empfehlungen bei allen Klubs ist jedoch noch immer mehr nötig als guter Wille, beispielsweise der Druck, die Einführung eines Antidiskriminierungsparagraphen und seine Durchsetzung, zur Lizenzauflage zu machen. Hier ist allerdings nicht nur der DFB, sondern vor allem auch die DFL gefordert. Die bisherige Erfahrung zeigt, dass es wichtig ist, ein gutes Gleichgewicht zu finden zwischen medienwirksamen Kampagnen (zuletzt beispielsweise die Rote-Karte-Aktion von DFB und DFL) und Projekten zu finden, die länger dauern als einen Spieltag. Hier kann die finanzielle und organisatorische Unterstützung von bereits existierenden Faninitiativen, Aktionen von Fan-Projekten oder auch Kooperationen mit Gruppierungen außerhalb des Fußballs, wie etwa Kommunen, pädagogischen Einrichtungen, migrantischen Organisationen oder Flüchtlingshilfen, ein sinnvoller Weg für Vereine und Verbände sein, um antirassistisches Engagement in die Tat umzusetzen.

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