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25.09.2008
TV-Hinweis: „Gefahr von Rechtsaußen. Neonazis im Fußball“

Transparent bei der Stadioneröffnung in Magdeburg im Dezember 2006
Schon zu Beginn wird ein breites Spektrum aufgeblättert: Von der rechten Begleitung der Nationalmannschaft, gerade bei Auswärtsspielen, Unterwanderung des Amateurfußballs durch rechtsextreme Parteien oder Kameradschaften ist die Rede, von antisemitischen und rassistischen Schmähungen auf den Stadiontribünen in den deutschen Ligen. Die Stärke des Films von SWR-Autor Stefan Keber liegt sicher darin, dass er sich dem Thema Rechtsextremismus und Rassismus im Fußball – und den Initiativen dagegen – über viele unterschiedliche Aspekte und Akteure widmet.
So lässt er Martin Endemann vom Bündnis Aktiver Fußballfans BAFF zahlreiche Beispiele für rassistische und antisemitische Banner, Neonazi-Codes und Parolen aus verschiedenen Stadien und Ligen präsentieren und verdeutlicht damit nicht nur, wie wichtig das Sammeln und Dokumentieren dieser Vorfälle ist, sondern auch, vor welchen Problemen das antirassistische Engagement von Fans steht, wenn die vom Verein angeheuerten Ordnungsdienste selbst in Kleidung mit entsprechender Symbolik auftreten.
Auch die Funktionäre von in Verruf geratenen Vereinen – häufig aus dem Osten Deutschlands – treibt das Problem um. Steffen Kubald, Präsident von Lok Leipzig, schildert die explosive Mischung einer gezielten Unterwanderung von rechts und Mitläufern, die, selbst oft genug in perspektivlos erscheinenden Lebenssituationen gefangen, die Angebote einer einfachen Ideologie samt Randaleversprechen nur zu gerne wahrnehmen. Das klingt schlüssig, bekommt jedoch einen unangenehmen Beigeschmack, wenn Kubald als Opfer dieser Situation den eigenen Verein ausmacht, dem dann möglicherweise harte Sanktionen drohen: „Und im Endeffekt werden dann dem Verein drei Punkte abgezogen.“

Wer ist hier deutsch?
Aber auch diejenigen, die tatsächlich Zielscheibe und Opfer sind, kommen zu Wort. Funktionäre und Spieler von Vereinen mit jüdischen und migrantischen Wurzeln schildern ihre Erlebnisse auf deutschen Fußballplätzen, den „ganz normalen“ Rassismus und Antisemitismus auf dem Platz, den Tribünen und mitunter auch innerhalb der Verbandsstrukturen. Die Anfeindungen und Schmähungen treffen dabei nicht einmal ihr Ziel, weil bei Makkabi-Vereinen nicht nur Juden spielen und ebenso ethnische Vereine längst nicht mehr nur aus Türken, sondern einer bunten Mischung von Migranten verschiedener Nationen, Einwandererkindern und Deutschen bestehen. Das ist eine bittere Ironie, die meist nur den Angefeindeten selbst klar ist, nicht aber den Rechten am Rand des Platzes. „Bin ich etwa weniger deutsch als die?“, fragt der in Deutschland geborene Firat Tuncay aus dem Vorstand von Türkiyemspor Berlin und beantwortet die eigene Frage mit einem klaren Nein.
Was tun gegen die rechten Tendenzen, wie dagegen agieren? Auch damit beschäftigt sich der Film: Die Schwierigkeiten der Strafverfolgung antisemitischer Parolen schildert der Oberstaatsanwalt, der wegen des „Jude“-Transparents (Siehe: Themenfelder/Antisemitismus) im Cottbuser Fanblock im Dezember 2005 ohne Ergebnis ermittelte. Die Angst der politisch neutralen oder linken Fußballanhänger vor den Rechten in der eigenen Fankurve klingt im Interview mit Thomas Hafke vom Fanprojekt Bremen an. Szenen aus Jena dagegen zeigen, dass auch im ostdeutschen Fußball längst nicht alles rechts ist: Dort wurde, wie Fanprojektler Matthias Stein berichtet, als Reaktion auf „Juden Jena“ im Fanblock ganz einfach eine Israel-Flagge gehisst. Und auch die dezidiert linke Fanszene des FC St. Pauli macht sich stark für nazifreie Räume – mitunter stärker, als es der Polizei recht ist.

Die rechten Fans selbst zu befragen, fördert – zumindest vor der Kamera – erwartungsgemäß kaum Erhellendes zutage. Die Aussagen der mehr oder minder gut vermummten Mitglieder der rechten Fangruppe „Standarte“ aus Bremen könnten in ihrer wenig klar umrissenen Ideologie und selbstgefälligen Banalität harmlos wirken. Sie sagen jedoch auch Sätze wie „Ich möchte, dass ausschließlich weiße Spieler in meiner Mannschaft spielen“ oder empören sich, dass durch Verbote bestimmter rechter Marken und Symbole nun plötzlich Politik in den Fußball gebracht werde. Und Äußerungen wie diese haben sich so oder ähnlich schon als anschlussfähig bis in die Mitte der Gesellschaft hinein erwiesen.
Aufklärung im Film: Die Lebensgeschichte von Julius Hirsch
Neben der Schilderung und Analyse aktueller rechtsextremer und rassistischer Vorfälle im deutschen Fußball zieht sich noch ein ganz anderer roter Faden durch Kebers Film. Der Kontrapunkt zu „Juden Berlin“-Rufen und dem Gesang des U-Bahn-Liedes ist die Nacherzählung der Lebensgeschichte von Julius Hirsch, deutscher Nationalspieler jüdischen Glaubens, der viele Jahre u. a. für den Karlsruher FV spielte und 1943 ins KZ Auschwitz Birkenau deportiert und dort umgebracht wurde. Im Jahr 2005 stiftete der DFB einen nach Julius Hirsch benannten Preis zum Andenken des deutschen Nationalspielers und um Initiativen gegen Rassismus und Diskriminierung im Fußball zu unterstützen.

Was die filmische Verflechtung des Schicksals des jüdischen Fußballers Hirsch mit den aktuellen rechtsextremen Tendenzen im deutschen Fußball angeht, kann man sicherlich geteilter Meinung sein. Vielleicht wäre beiden Aspekten mehr damit gedient gewesen, wenn daraus zwei Filme geworden wären, andererseits ist der aufklärerische Gedanke dahinter natürlich richtig: Niemand soll sagen können, er habe nicht gewusst, was mit dem Gesang von der „U-Bahn nach Auschwitz“, der im Fanblock angestimmt wird, gemeint sei.
Manch andere Zusammenhänge bleiben nur angedeutet, so würde man über die Verbindungen zwischen den „Nationalen Autonomen“, die am 1. Mai 2008 in Hamburg aufmarschierten, und der Fußballszene gerne mehr bzw. Konkreteres wissen. Die weitaus größte Schelte im Zusammenhang mit Stefan Kebers Film „Gefahr von Rechtsaußen“ verdient sich jedoch die Programmplanung des Senders SWR, die ihn am 29. September auf die Nachtschiene um 00:15 geschoben hat. Bitte bald wiederholen und besser machen!
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